Erfahrungsbericht eines Zivies im Rettungsdienst

Angemacht hat es mich und beeindruckt. Blaulicht, GoreTexReflectorjacken, jeder Handgriff sitzt. Die Jungs arbeiten hart, es geht um das Leben des Patienten, ach was sage ich, es geht um das Leben des jungen, schönen Patienten. Die Trage knallt auf die Leitschiene. Der Doktor und der Rettungsasisstent folgen dem Patienten in den RTW. Zurückbleibt das Licht, das Neonlicht aus den Waschglasscheiben, hinten zwischen den großen ROTKREUZ-Aufklebern. Schon früher hat es mich auf der Autobahn aus der Autobahnlethargie geholt, wenn nachts ein Rettungswagen mit Blaulicht uns überholte. Da war nun das Neonlicht aus den rechteckigen Rückscheiben. Ganz nah. Was war dahinter? Ich wollte es wissen.

Hatte gehört, man kann beim Rettungsdienst Zivildienst machen.

Wie soll das denn gehen?
Normale Zivis in diesem harten, schweren Job ?
Braucht man um mit Blaulicht zu fahren nicht einen speziellen Führerschein?
Darf ich auch mal mit Blaulicht an der Eisdiele mit der Aussicht auf nahe Lebensrettung vorbeiheizen?

Zwei Kumpels habe ich gefragt. Sind gerade dabei, bei der Rettung? Nee, diese Woche habe ich kein Rettungsdienst, habe KTW-Dienst?, achso, hat doch aber auch Blaulichter dieser Krankenwagen? Verstehe das nicht. Ich versuche zu ergründen, was man denn da so macht als Zivi beim Rettungsdienst, kommt man da auch zu einem schweren Unfall?, oder machen das die erfahrenen Assis, die Hauptamtlichen?. ? Ach, das kann ich Dir nicht erklären, du stellst Dir das ganz falsch vor, musste selber sehen?. Mit dem schlauen Spruch, er hätte mich nicht gewarnt, dies solle ich nicht sagen; damit hat er mich aber doch gewarnt, verabschiedeten wir uns, und ob ich noch mit nach Holland kommen wollte? Nee, im Moment nicht, lerne fürs Abi! Ja damals zählte das noch was. Lernen? da konnte man nicht einfach, da war das noch was besonderes.

Nach dem Abi und den Feierlichkeiten...

und dem? Nicht-Lernen? begann dann irgendwann der Zivildienst. Formalitäten, Hepatitisimpfung (Impfstoff in den Kühlschrank, nee ist noch nicht bestellt, ist auf der Wache soundso, ach doch nicht, ist auf der Wache soundso...), erst einmal auf die Wache, Praktikum, so heißt das, man könnte diese Wochen allerdings auch besser WäschewaschenHallenbodensäubernAutowaschenWartenbisdernächsteLehrgangbeginntPraktikum nennen.

Also als dritter Mann darf ich da mitfahren. Wo mitfahren? In dem RTW. ?Äh??, ? Ach Du bist der neue, das ist ein RettungsTransportWagen, das ist ein NotarztEinsatzFahrzeug, das ist ein KrankenTransportWagen!? Der Hauptamtliche deutete wild in der Halle rum. Nun gut, 3 Buchstaben haben die alle.

Was ist denn da so drin in den Autos?

Respekt vor den Autos, viele Knöpfe hinten, viele vorne, mit Blaulicht und so, ach und das Funkgerät, viele Knöpfe, auch noch! Schränke auch. Mal reingucken: ? Könnt ihr auch einen Luftröhrenschnitt machen ?? Hauptamtlichen vergrault!

Wieso haut der einfach so ab? Na ja, gucke mich weiter um. Nach 15 min klingelt das Telefon in der Halle. Wer ruft da wohl an? Zwei Hauptamtliche kommen mit einem Zettel um die Ecke, gehen langsam zum KTW. Der eine zu mir: ? Ey Bartling, lass den Defi in Ruhe, sonst: he,he!?, ? Bartling, fahr die Trage bloß wieder ganz runter, sonst knallt die hoch beim Patienten ausladen!? Guck mal ob der 83 in der zwei steht?? Ich:? Wie 83?, ?na der RTW?, ?Nee, der steht im ersten Tor in der Halle, gehört der ins zweite ?? Auch vergrault, die Hauptamtlichen. Fahren mit dem KTW weg. Wieso lassen die sich soviel Zeit? Wir sind doch hier beim Rettungsdienst?

Ich gehe auf die Wache. Mein Mitzivi liegt wie die Hauptamtlichen auf dem Sofa, kein Einsatz im Moment. Ich frage den Wachenleiter: Hammwa auch mal Mittagspause??, darauf der Mitzivi: ? Siehste das nicht, hier ist doch die ganze Zeit Pause!?

Wachenleiter wurde rot, wütend: Bartling, sortier die Wäsche ein !!? Okay, wurde aber nichts draus.

Piep, düdelüd, Piep, Piep, Piep...

Ogotttogottt, das war mein Einsatz. In meiner Taschen vibrierts. Ich habe meinen ersten Einsatz. Meine Aufgabe ist es als dritter Mann, beim Einsatz, also beim Piepen, (verdammt, wo geht das Ding aus) in den Rettungswagen zu kommen, hinten rein, halt dritter Mann. Möglichst nicht im Wege Rumstehen. Also. ALARM! Adrenalin schießt los. Wo geht der Piepser aus??? WOHIN MIT DEM WÄSCHEKORB?. Einfach mitten auf den Flur. Geht ja um Leben und Tod. Wirklich auf den Flur, nicht lieber auf den Schrank?, nein Schrank 10 Meter weg, geht um Leben und Tod, also mitten auf den Flur... Wo geht der Piepser aus? Schuhe anziehen. Ach habe doch meine Schuhe an. So tun, als wenn ich nicht aufgeregt wäre, so tun, ganz gelassen, will ja ein cooler Zivi werden.

Was ???? Noch mal? Schwerer VU. VU? Verkehrsunfall. Hauptamtliche legt das Telefon auf. Reißt einen Zettel ab, Zettel mit der Straße, Ach ist ja die und die Kreuzung, ist ja berühmt berüchtigt, braucht den Zettel doch nicht. Ich laufe zur Tür, trampel los, trampel zurück, Jacke!, welche?, irgendeine!, geht ja um Leben und Tod. Doch nicht irgendeine, sonst merken die, dass ich ein aufgeregter Zivi bin, Hauptamtliche stolpern über Wäschekorb, meine Jacke, Hauptamtliche fluchen, zur Tür rennen, trampeln, wo geht der Piepser aus?, Garagentor mit einem der drei Toröffnerknöpfe öffnen, welcher? Egal, geht um Leben und Tod, also alle. Hauptamtliche werden später den Kopf schütteln, weiß nicht worüber mehr: Wäschekorb, Jacke vom Kleiderhaken, alle Tore auf.....

Naja, als erster Treppe runter, rein in die Garage, Poch Poch Puls hoch, hochroter Kopf. Hinten in den Rettungswagen, vorhin ging die Schiebetür noch ganz leicht auf, tut sie jetzt auch, kommt mir nur so vor als ob sie schwer aufgehen würde, wegen Poch Poch Puls.

Hinsetzen, anschnallen, genießen.

Foto zeigt einen RTW auf einer Innenstadtstraße mit SondersignalSo ist das also in einem Rettungswagen, wenn der mit Blaulicht fährt.

Wackel, rüttel, vorne sitzt ein Exzivi. Der sieht ganz locker aus. Na ja, ein bisschen aufgeregt ist der schon, glaube ich. VU, VerkehrsUnfall, oGott Ogott, abgerissener Kopf, vielleicht sterbende Kinder, vielleicht muss ich ja einen Luftröhrenschnitt machen, bevor das Kind stirbt, und die Mutter in dem brennenden Auto. Das wäre ja noch okay, wenn da nicht der auslaufende Gefahrguttransporter wäre. Was haben die noch auf den gelben Schildern? Welche Zahl haben die noch unten, wenn das explosiv ist, was die geladen haben. Schnalle mich los, nach vorne, durch die Scheibe frage ich die anderen : ?Woran erkennt man beim Gefahrguttransport, dass das Gas explosiv ist, was sie geladen haben?? Ruhe erst einmal, bis auf die Presslufthörner und quietschende Reifen, verdutzte, zweifelnde Blicke...?Wie kommst denn jetzt darauf?? Weiß auch nicht?, ?Der Bartling stellt ja komische Fragen und hier, hör mal zu, Bartling, wenn das da gleich zur Sache geht, dann sieh zu, dass du nicht im Weg rumstehst!?

Bin mir sicher, die Hauptamtlichen hätten mehr über mich gelacht, wenn sie nicht in der VUAnfahrtsEuphorie wären. Natürlich durch Adrenalin induziert, wirkt wie Speed, wach, ausgeglichen ist man, Amphetaminlike. Rettungsdienst ist Amphetaminlike. Wirkt das bei den Hauptamtlichen nicht mehr? Nur noch in höheren Dosen, größere Verkehrsunfälle ? Reanimation ohne Notarzt, Wespenstich in der Wallachhei? Wie viele bleiben beim Rettungsdienst wegen des Kicks? Bleiben hängen. Okay, einige bleiben auch aus anderen Gründen. Ich glaube wenige. Ich glaube, das ist eine Illusion. Viele witterten Abenteuer, Coolness, Autos, Blaulicht, Kicks. Was bleibt ist doch die Routine. Die Routine. Aber manchmal gibt es noch eine Situation, in der man sich auf die Schultern klopft und sagt, das haben wir gut gemacht, da haben wir gerettet, da haben wir Leben gerettet. Dann ist Amphetamin erlaubt. Dann können wir euphorisch unseren Rettungswagen aufräumen und ein wenig in Geschichten und Situationen des Einsatzes schwelgen und träumen, bevor wieder RTL und Sat 1 unsere Phantasie einnebeln.

Der RTW bleibt stehen, Horn aus.

Raus aus dem Auto. Frontalzusammenstoß. Auto brennt. Keiner mehr drin.

GOTT SEI DANK! Das Auto ist leer. Keiner drin. Kein Jugendlicher, der verbrennt. GOTT SEI DANK! Der Hauptamtliche kommt mit einem Mann an. Er kann noch gehen. Hat ein bisschen Blut überall. Legt den Mann auf die Trage. Ich soll einfach bei ihm sitzen. Was sollte ich auch sonst tun? Mehr wie eine erste Hilfe Kurs habe ich nie gemacht. Rede mit dem Mann, der macht einen fitten Eindruck. Hat er innere Verletzungen? Einen Luftröhrenschnitt braucht er mal nicht. Sieht zumindest mal nicht so aus. Draußen sind noch mehr Rettungswagen. Naja, braucht mich ja nicht zu interessieren, ich habe meine Aufgabe, hier sitzen und aufpassen. Ich habe meine Aufgabe, die muss ich auch erfüllen. Ja, das muss ich. Da draußen, das interessiert mich nicht, braucht es nicht, ich bin dankbar. Ich glaube ich laber irgend etwas mit dem Kerl, er sabbelt zurück, wer redet undeutlicher?:
 

Ich mit einer Dosis Adrenalin im Blut...

die einer Kontrastmittelzwischenfallbehandlung, ebenbürtig ist. - Er mit einer durchgemachten Beschleunigung von 100 auf 0 in wenigen Metern ? Egal, wir haben unsere Aufgabe.
Er ist Patient und ich sein Rettungszivi,
ich passe auf (worauf eigentlich? Was ist, wenn er doch einen Luftröhrenschnitt benötigt? und er sabbelt.

Draußen ist der Teufel los. Hier drinnen wirkt es zumindest so. Wenn man dabei ist, wo der Teufel los ist, dann wirkt es auch nicht mehr so als ob der Teufel los ist. Man hat ja seine Aufgaben: Sauerstoff aus dem Auto holen, dies und jenes aufziehen, Vakuummatratze holen, Auto fahren, usw. Wenn aber erst einmal der Einsatz rum ist, das Auto geparkt und sauber ist, dann kommt der Teufel in den Kopf: ?Hätten wir da nicht noch was besser machen können, hätten wir hier nicht ein bisschen mehr drauf achten müssen, usw. !? Man kann sich Vorwürfe machen, man kann, wie gesagt. Wer es nicht schafft, sich gegen solche Selbstvorwürfe, berechtigt oder nicht, zu wappnen, von den Psychologen tausendfach benannte Abwehrmechanismen zu schaffen, der hat im Rettungsdienst auf lange Sicht wohl nichts verloren. Hier muss man abstumpfen. Das schlimme sind nicht die schrecklichen Bilder. Schlimm können die Vorwürfe werden. Außerdem immer daran denken: ?Scheiße ist schon, wenn wir kommen!?, auch wieder so ein Abwehrmechanismus. Jeder hat so seine eigene Art. Interessant auf der Wache so zu sehen, wer welchen Mechanismus favorisiert. Interessant und sehr intim. Rettungsdienst ist intim.

Der SAR kommt.

Search and Rescue, ich dachte immer die würden nur bei der Seerettung fliegen. Bin ein Fan dieser Hubschrauber. Flap, Flap, Flap, kaum nachbestellt schon hört man das Flap, Flap, Flap. Dieser Sound of Rescue hat seinerzeit schon den Vietkong zurück in die Schützengräben getrieben. Heute treibt er den Rettungssanitäter an, die Schiebetür des Rettungswagens zuzumachen, sonst hat man den ganzen Patienten voll mit Herbstlaub. Jetzt wird der Hubschrauber landen, er wird leiser.

Der Patient fragt mich, sabbelt mich an, ob ich wüsste, was denn mit seiner Frau los ist?

Was bitte ist das...

was für eine verdammt beschissene Scheißfrage ist das denn? Woher soll ich denn das wissen?, verdammt noch mal, woher soll ich denn das wissen? Ich sitze doch auch nur hier neben ihm, (eigentlich sitze ich auch neben mir). Was stellt der mir für eine blöde Frage. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht liegt sie leicht verletzt in einem der Rettungswagen. Vielleicht fragt sie gerade, wie es denn ihrem Mann geht. Vielleicht läuft sie völlig verwirrt über das Feld und sucht ihre Tasche. Wieso stellt der mir die Frage? Was soll ich verdammt noch mal darauf antworten? Die Wahrheit sagen, ihm sagen, dass ich es nicht wüsste. Dann verliert er den Glauben an den Rettungsdienst. Ihn anlügen? Sagen, sie ist in Ordnung. Genau!, wird schon nichts sein, mit seiner Frau. Darf ja nichts sein. Sonst würde ich ja lügen. Sie hat bestimmt nichts abbekommen. Also sage ich: Das weiß ich nicht, aber wenn ihrer Frau etwas passiert sein sollte, dann wird sich um sie gekümmert. Wir kümmern uns gut um ihre Frau, jetzt ist gerade der Hubschrauber gekommen und wenn das das Beste für ihre Frau ist, dann kommt sie jetzt in ein großes Krankenhaus? Ich war stolz auf mich, ich hatte die Wahrheit gesagt.

Rettungsdienst ist Wahrheit.

Solange es alle verkraften, sollte Rettungsdienst Wahrheit sein. Nicht Betäubung. Schon gegen Schmerzen, aber nicht gegen seelische. Nicht Lügen. Da muss man mutig zu sein, die Lügen sind einfach. Wahrheit ist schwerer wie Narkose, Schnorchel und Valium.

Abendsnichtmehrderselbesein

Der Hauptamtliche und der Exzivi kommen, fragen ob alles okay sei. ?
Ja, ja, alles okay!?
Räumen den Koffer ein. Bringen noch einen mit einer Kopfplatzwunde. Hinsetzen. Verband. Personalien. ?Sie haben aber Glück gehabt nech, hätte auch alles schlimmer ausgehen können.? Ich sitze mit dem Exzivi hinten, der Hauptamtliche fährt. Wir fahren zum Krankenhaus, laden die Patienten aus. Ich helfe bei der Trage mit, mache alles falsch. Man akzeptiert, dass ich fertig bin. Will so cool tun, schaffe es nicht mehr, ist mir egal. Autoaufräumen. Wache. Hinlegen. Teufel und Amphetamin. Fernsehgucken. Als ich diesen Abend in mein Auto gestiegen bin, war ich nicht mehr derselbe. Ist man ja abends eigentlich nie, aber ich war heute Abend weniger derselbe wie das normale Abendsnichtmehrderselbesein. Rettungsdienst ist manchmal Abendsnichtmehrderselbesein.

Aber ich war dabei...

(Zigarette an, erster Zug) ja, ich nehme die Herausforderung an. Es kann losgehen. Ich will lernen, viel lernen, Erfahrungen sammeln, mitmachen können, Patienten die Wahrheit sagen, die Straßennamen kennen, Ruhebewahrenkönnen, akzeptieren, wenn nicht, halt Rettungsdienst können.

Wann piept es endlich wieder?



Quellenangabe:

Da der Bericht Teile der Realität im Kleinen
einzufangen vermag, habe ich ihn hier aufgenommen. Olaf Meiss

Dort auf der Seite war folgendes zur Herkunft des Textes zu lesen:
 
Das hier ist ein Bericht eines Zivis über seine Anfangszeit beim Rettungsdienst. Ich fand den Bericht irgendwo im Internet. Der Autor ist unbekannt. EDIT: Er war unbekannt. Der Autor hat sich gemeldet. Er heißt Soenke H Bartling und ist heute Radiologe ... :-)


wissens wolke

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